Gegen Aufwertungen hilft kein Klagen, sondern nur eines: Entwertung

Wolf Wetzel aus Frankfurt plädiert für eine GSW-Kampagne in Berlin:

… Zweifellos sind die Methoden, einen Stadtteil umzustrukturieren, heute vielfältiger und vielgliedriger als vor 30 Jahren. Aber sind die Zeiten deshalb komplizierter geworden? Weiß man heute nicht, wogegen man zuerst anrennen, zuerst kämpfen sollte? Ist es heute so schwierig, die verschiedenen Strategien einzuordnen und zu gewichten, nur weil in diese Verwertungskette zwei, drei neue Glieder mit eingebaut wurden?

Auch in den 70er und 80er Jahren war Kahlschlag, also Flächensanierung nicht die einzige Option, um Stadteile für die Businessclass freizumachen, unerwünschte BewohnerInnenschaft an den Rand zu drängen (die Trabantenstädte entstanden schließlich in jener Zeit).

Es liegt nicht an den schwieriger gewordenen Verhältnissen, die heute das Entstehen neuer Bewegungen erschweren. Bewegungen sind zu keiner Zeit entstanden, weil das Unrecht zu groß wurde, weil sie alle Ungerechtigkeiten auf die Tagesordnung setzten. Sie hatten auch keinen Erfolg, weil sie im Recht waren. Und Bewegungen entstehen nicht, weil sie gegen alles sind und nur gegen das Ganze kämpfen. Bewegungen entstanden, wenn sie einen Riss in der ›Stadtmauer‹ ausmachten, einen Spalt im Machtgefüge ausfindig machten, durch den viele hindurchgehen konnten. Bewegungen entstehen durch die Kunst der Reduktion, durch eine Vereinfachung, die bei Vergrößerung nicht Dummheit, sondern Klugheit erkennen lässt.

Dieser Spalt, dieser Riss stellten in den 70er und 80er Jahren die leerstehenden Häuser dar. An ihnen konnte die herrschende Stadtpolitik aufgezeigt werden. Ihr Leerstand konnte mit der ganzen Unzufriedenheit über städtische Machtpolitik, aber auch mit neuen Ideen und Utopien von einem anderen Leben gefüllt werden. Heute gibt es nur noch wenig (sichtbaren) Leerstand – im Verhältnis zu den 70er und 80er Jahren.

Was könnte heute der Knotenpunkt sein? Wo ließe sich vieles auf den Punkt bringen, wo sich Strategien kreuzen und verdichten, die heute in der Summe Vertreibung zur Folge haben?

Für Berlin könnte das die ehemalige städtische/kommunale Wohnungsbaugesellschaft ›GSW‹ sein, die heute von privaten Investoren geführt wird. Die ›GSW‹ setzt das komplette Arsenal an Vertreibungsstrategien ein: Sie setzt die Mieten Zug um Zug hoch, sie lässt Häuser verrotten, die für einen Abriss vorgesehen sind, sie verkauft Teile des Wohnungsbestandes an andere Investoren, sie lässt unerwünschte Mieter in der Warteschleife verhungern, sie besitzt auch einige ehemalige besetzte Häuser …

Die Wut über diese Geschäftspraktiken ist groß, erste MieterInnenversammlungen fanden statt, erste Überlegungen eines Mietstreiks machen die Runde.
Wenn man also die ›GSW‹ als Paradebeispiel für diesen private state begreift, würden MieterInnen, ›Recht auf Stadt‹-Gruppen, Tag- und NachtaktivistInnen nicht nur ihr eigenes Ding verfolgen, sondern an einem gemeinsamen Projekt, mit viel Geduld und Ausdauer, mit unterschiedlichen Möglichkeiten und Risiken beweisen, dass sich Privatinitiativen nicht lohnen, dass das Geschäft mit dem Leben/Wohnen anderer kein (lukratives) Geschäft ist, sondern nur teuer zu stehen kommt.
Quelle: Monopoly und/oder Barricada – Wem gehört die Stadt /Teil II

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